Don Di Maggio hat geschrieben:
Ich möchte dir hier widersprechen:
zu 2. Du bringst die Kategorien durcheinander. Jesus hat in den Evangelien tatsächlich niemanden ausgeschlossen - aber nur in der Weise, dass er ausnahmslos jedem Menschen seine verändernde Botschaft vermittelte. Er begab sich in die Kreise der Huren und Zöllner - aber mit Sicherheit nicht weil er ihren Lebenswandel gutheißen, sondern weil er ihn verändern wollte. Wir haben das Ganze hier schon einmal von einem anderen Blickwinkel aus diskutiert - Jesus hat zwischen dem (rettungsbedürftigen) Menschen als solchem und der Sündhaftigkeit des Menschen klar differenziert. Daraus folgt das biblische Prinzip: Liebe/Leben für den Menschen, Tod für die Sünde. Es gibt sowohl im AT wie im NT Stellen die sich explizit gegen Homosexualität wenden. Zeig mir dagegen eine einzige Bibelstelle wo Jesus sagt: "Geh in Frieden und sündige hinfort weiter...". Auch ich bin von der Selbstbestimmung des Individuums überzeugt: jeder darf tun und glauben, was er will. (übrigens ebenfalls eine grundlegende christliche Ansicht). Doch es ist fatal und in gewisser Weise auch abgrundtief pervers, die Kategorien solcherart durcheinanderzuwerfen und den Anspruch zu erheben, das Christentum müsse im Rahmen der Nächstenliebe Sünde gutheißen bzw. tolerieren. Ich möchte hier weder die Katholische Kirche noch den Papst verteidigen aber doch bitten bei den Fakten zu bleiben.

1. Die einzigen Stellen zur Homosexualität im NT sind in den paulinischen Briefen zu finden (z.B. Römerbriefe) und auch dort diskussionsbedürftig. Über das AT spreche ich nicht und tue es auch nur selten im Rahmen des Christentums, da das Christentum, von dem ich rede, auf den Lehren Jesu basiert - die Kirchen aber entwickelten sich aus Regeln und Normen die von Leuten wie Paulus interpretierend hergeleitet wurden.
Deswegen ist mein Ansatz der, dass ich Frage, ob die Kirche, die sich als christlich bezeichnet, christlich ist, oder durch die Dogmatisierung vom Christentum an sich abgerückt.
(Ich gehe noch weiter: An und für sich kann Christentum nichteinmal als Institution verwirklich werden, da das Christentum die ständige Infragestellung zentralistischer Positionen ist. Das nur dazu.)
2. Ich bleibe bei den Fakten: Jesu hat in keiner Tat und in keinem gesprochenen Wort etwas zu Homosexualität gesagt. Die stellen im NT, die sich dazu äußern, sind nachösterlich und keine Schlussfolgerung aus dem Werk Jesu.
3. Ich glaube, dass du zwei unvereinbare Ebenen zu vermischen versuchtest.
Ja, er ging zu Steuereinnehmern. Warum? Zöllner wurden in der damaligen Gesellschaft als Betrüger angesehen, da sie zum einen mit Rom arbeiteten und zum anderen über Tarif in ihre Tasche wirtschafteten. Jesus schuf niemals das Zöllnertum ab oder verdammte es an sich. Es war nur die Hybris und der Egoismus mit dem es betrieben wurde - deswegen tittuliert sich der Zöllner in einem Gleichnis von Jesu als Sünder. Ist das also mit der Homosexualität zu vergleichen? Nein.
Ja, er ging zu Huren. Warum? Nun zum einen, um eine strikte Poisition gegenüber den ausgrenzenden Pharisäern einzunehmen - zum anderen, weil Prosititution von Huren ausgeübt wurde, die sich selbst als Nichts und Sünder empfanden - die Indoktrination der Pharisäer war also perfekt. Ja, Jesus sah Prostitution als ein Übel an, da es in der dmaligen Zeit mit einem Un-Selbstbewusstsein konnotiert war (was mit der Idee, sich für Geld herzugeben entspricht), was gegen das Prinzip Jesu der Eigernliebe spricht. Ist diese Art von Sündhaftigkeit mit freier Homosexualität zu vergleichen? Nein.
Man kann die Homosexualität als ontologische Seinsweise schlichtweg nicht mit Sünden wie der des übertriebenen Zöllnertums und der der Hurerei vergleichen.
Das Reich Gottes und die eschatologische Ermutigung geht von den Idealen Rechtschaffenheit, Demut und Nächstenliebe aus, die auch Eigenliebe impliziert - diese tangieren die ungezwungene Homosexualität in keinem Bereich.
Zitat:
zu 4. Der Begriff des "Dogma" wurde im Lauf der Geschichte mehr und mehr mit einem negativen Beiklang belegt. Trotzdem würde ich nicht sagen, die Dogmatik verbiete generell zu denken. Ich bin der festen Überzeugung dass Feuerbach genau wusste: ohne jedes Dogma kann das Christentum (wie jede andere Religion) überhaupt nicht existieren. Auch hier müssen die Kategorien klar getrennt werden um sinnvoll diskutieren zu können: Dogmatik <-> Traditionalismus
Aus dem Fremdwörterduden:
"Dogma, das: fester, als Richtschnur geltender Lehr- Glaubenssatz"
Ein Dogma widerspricht per definitionem gegen das ständige Reflektieren, da es sonst seine charakteristisch notwenidge Festigkeit und Standhaftigkeit verlieren würde.
Zitat:
Es stellt sich generell die Frage inwiefern Menschen, die sich in ihrer Lebensgestaltung nicht im Geringsten nach den Lehren der Kirche richten, das Recht haben Forderungen an diese laut werden zu lassen und nach Liberalisierung zu verlangen. Ich halte nichts von der Kirche, aber ich verlange auch nichts von ihr...
Wie ich oben sagte: Eine Institution auf ihr ideelles Fundament hin zu untersuchen, finde ich nicht nur richtig, sondern auch natürlich. Es ist wichtig, dass sich, wenn sich Christentum schon in einer Institution manifestieren muss, diese in einem ständigen reflektierten Zustand befindet, um jede pharisäischen Starrheit zu vermeiden. Und ich denke, die katholische Kirche mit ihrer gesellschaftlichen Macht und Verantwortung muss sich Fragen bzgl. ihrer Konstitution und Kohärenz unter der derzeitigen Ausrichtung gefallen lassen.
Genauso wie es mich auch als derzeitig außer-Katholischen stört, dass die größte kirchliche Institution Homosexuelle zu Sündern und zu mitleidensbedürftigen Kreaturen (wie ich einen Priester sie im italienischen Fernsehen letztens sagen hörte) und dass auch Abtreibung und Verhütung per se als sündenhaft gelten und de facto Auswirkungen auf afrikanische Länder und ihre dortige Mentalität haben und jeden Tag Menschen auf der ganzen Welt in Glaubensdillemmata und persönliche Konflikte stürzen.
Und wie gesagt - diese Friss oder Stirb Haltung gegenüber einer Institution halte ich für äußerst gefährlich. Leute, die zu Drewermann und Küng sagen, dass sie doch zum Protestantismus konvertieren sollten, haben meiner Meinung nach, nicht die notwenidgkeit des ständigen Reflektierens auch INNERHALB der Kirche verstanden - DIESE Position ist fatal und pervers.